Forum 1
Europa in den Städten
Internationale Kulturarbeit vor Ort
Bettina Heinrich, Deutscher Städtetag, Berlin; Dorothea Kolland, Bezirksamt Neukölln, Berlin; Anne Querrien, Annales de la Recherche Urbaine, Paris, Haroon Saad, European Regeneration Area Network - Quartiers en Crise, Brüssel
Moderation: Gero Schließ, Deutsche Welle, Bonn
In den ersten Nachkriegsjahrzehnten definierte sich »Internationale Kulturarbeit in den Städten« durch europäische Städtepartnerschaften. Kulturbegegnungen halfen, die Köpfe zu öffnen und Europa zu erfahren. Heute muss sich kommunale Kulturarbeit mindestens genauso offensiv einer Internationalität nach innen zuwenden, kulturelle Diversität zum Leitprinzip erklären und interkulturelle Prozesse berücksichtigen, um die Veränderungen der Welt zu spiegeln. Dieser Wandel erfasst nach und nach ganz Europa: Europäische Städte stehen – bei aller Unterschiedlichkeit nationaler Politik – alle vor der Aufgabe, Immigration zu bewältigen, und sie müssen sich mit ihren kulturpolitischen Konzepten den neuen Bevölkerungsstrukturen stellen. Die Kultur der Städte wird sich auch in ihrer Außenwahrnehmung ändern: So wie beim Europapokal die Fußballvereine und -spieler nicht mehr über ihre nationale oder regionale Herkunft zu erkennen sind, sondern über ihre Vereinstrikots, so werden in Berliner, Münchener oder Kölner Kulturpaketen immer mehr Künstler aus aller Welt aktiv sein, die in den jeweiligen Städten eine Lebensabschnittsstation gefunden haben. Schwieriger ist es aber, neue Bevölkerungsmischungen auch als Publikum zu erreichen.
Neben die Veränderungen, die ethnischen Hintergründe der Städtebewohner betreffend, treten – ebenfalls in ganz Europa – weitere Veränderungen: Armut, Arbeitslosigkeit, Bildungsdefizite, Überalterung und damit einhergehend mangelnde soziale und damit natürlich kulturelle Teilhabe. Ethnische, soziale, ökonomische, demoskopische Entwicklungen überlagern sich wechselseitig und bringen teilweise zweifelhafte Wahrnehmungen wie z.B. die Bedrohung durch Migration oder Desinteresse der Migranten an Kultur hervor.
In der Lissabon-Agenda von 2000 wurde im Kontext der Optimierung der europäischen Leistungsfähigkeit die weitestgehende Beseitigung von »social exclusion« und ihrer Ursachen benannt. Kultur sollte dabei eine wichtige Rolle spielen. In einer Überprüfung dieses Prozesses schnitt Deutschland schlecht ab, weil falsch verstandenes hehres Festhalten am Autonomieanspruch von Kunst dem »Betriebssystem Kunst« zu viele Ausweichoptionen offen lässt und Nachdenken über soziale Konsequenzen von Kunstprozessen durch Teilhabe oder aktive Wahrnehmung als sträfliche Indienstnahme der Kunst zu fremden Zwecken diffamiert; andererseits in den Feldern von Integrations-, Sozial-, Arbeitsmarkt- oder Bildungspolitik Kunst und Kultur als unterstützende Kraft in Deutschland nicht wahr-, geschweige denn ernst genommen wird.
Kommunale Kulturarbeit und Kulturpolitik sind einem kaum zu entflechtenden Knäuel von Impulsen, Erschwernissen, Forderungen nach Öffnung wie nach Traditionswahrung, von sozialen wie kunstsystemischen, nationalen wie interkulturellen Konfliktfeldern, aber auch einem unerhörten Impetus von transkulturellen und hybridisierenden Entwicklungschancen ausgesetzt – ob wir dies wollen oder nicht.
Sie wird so oder so reagieren auf soziale Segregation, auf soziale Exklusion, auf ökonomische Veränderungsprozesse, auf Armut oder Reichtum: Die Kultur muss entscheiden, wo und wie sie sich positioniert. Sie kann gesellschaftliche Risse auf- oder zudecken, verhindern oder aufheben kann sie deren Ursachen nicht.
In jedem Fall verändert Migration die Kultur in den Städten: Wie auch immer durch soziale, ethnisch-kulturelle oder Bildungsbarrieren behindert, werden sich Rezipienten wie Produzenten verändern. Dies geschieht in allen großen Städten Europas. Eine Begegnung wird nicht mehr eine zwischen deutscher und französischer, spanischer und dänischer, englischer und ungarischer Kultur sein, es werden sich immer mehr oder weniger aus allen Weltkulturen zusammengemixte Melangen treffen: Je weitgehender es den Ländern gelungen ist, Teilhabe für möglichst viele Menschen zu realisieren, je ernster das Prinzip kultureller Diversität als Leitidee kommunaler Kulturarbeit genommen wird, desto breiter und desto hybrider wird diese Melange sein.
Kann dies ein neues Leitbild für Kultur in Europäischen Städten sein? Wird diese neue Internationalität bisherige kulturelle Identitäten vernichten? Könnte auf dieser neuen Internationalität ein neues Begegnungsbedürfnis zwischen den »neuen Europäern« verschiedener Länder wachsen? Ist die Kunst, die dieser neuen hybriden Melange entspringt, die neue »urban culture« Europas? Wird Europas Vielfalt darunter leiden? Was kann Kulturpolitik dazu beitragen, Barrieren abzubauen, um eine breite Basis für diese Melangen zu schaffen? Was kann Sozial- und Bildungspolitikpolitik, insbesondere durch europäische Programme (»Soziale Stadt«) dazu bewegen, Kunst und Kultur ernsthafter anzufragen, wenn es um Abbau von sozialer Exklusion geht? Kann kommunale Kulturpolitik und Kulturarbeit als Experimentierfeld von Diversität als Politikprinzip des demokratischen Pluralismus gelten?
Sollte Kultursensibilität europäisches Kulturleitprinzip werden oder ist dies längst der Fall? Wie kann Europa diese neue europäische Kultur fördern? Wie können die Städte diese neue Kultur sichtbar werden lassen?
Dorothea Kolland
