EVET - Ja, ich will
Das Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte zeigt bis zum 25. Januar 2009 erstmals Moden und Riten des Hochzeitsfestes in Deutschland und in der Türkei von 1800 bis heute im Vergleich. Mit seiner Ausstellung „EVET – Ja, ich will“ orientiert sich das Museum interkulturell. Nach neueren Umfragen wünschen sich die hier lebenden Menschen mit Migrationshintergrund auch kulturelle Angebote und Informationen, die mit ihrem oder dem Herkunftsland ihrer Familie zu tun haben. Bei der deutsch-türkischen Begegnung zum Thema Hochzeit zeigt sich: es gibt Unterschiede und Gemeinsamkeiten, Exotisches kommt manchmal aus dem eigenen Land und: Brautkleider bleiben kulturübergreifend attraktiv, auch wenn sich die Zeiten und der Stellenwert der Ehe geändert haben und noch ändern.
Anno 1900 wurden im damaligen Deutschen Reich nur 2 Prozent der Ehen geschieden, heute liegt die Quote hierzulande bei knapp 50 Prozent. Zugleich sank die Zahl der Eheschließungen überhaupt. Immer mehr Paare – egal, ob mit oder ohne Kinder - leben ohne Trauschein zusammen. In der Schweiz, deren Eherecht Vorbild für die entsprechenden türkische Gesetze war, liegt die Scheidungsrate mittlerweile bei 52 Prozent. In der Türkei selbst werden derzeit nur ein Zehntel der Ehen geschieden, über die Existenz eheähnlicher Gemeinschaften liegen – soweit ersichtlich - keine Angaben vor. „Die ideale, auch religiös untermauerte Lebensform eines Erwachsenen in der Türkei ist die Ehe und die Sorge um den Nachwuchs. Auf Ehelosigkeit reagiert man häufig mit Mitleid oder Unverständnis.“, ist dazu im Ausstellungskatalog nachzulesen. Freilich weichen die idealtypischen traditionellen Vorstellungen von Ehe und Familie auch in der Türkei zunehmend auf.
Trotzdem (oder gerade deshalb) ist eine Hochzeit für viele Türken und ebenso für manche Deutsche ein wichtiges und unvergessliches Ereignis – schon wegen der opulenten Feierlichkeiten und dem festlichen Rahmen. Ganz zu schweigen von den Gefühlen: seit der Romantik gilt die Liebe der Partner als fester Bezugspunkt der Ehe, auch wenn sie vergänglich sein mag. „Wer sich verliebt, tut das aus der Sehnsucht nach der eigenen Verwandlung“, heißt es dazu im Katalog der Ausstellung, irgendwann freilich ist „die Verwandlung abgeschlossen, oder die Liebe hört deswegen auf, weil sich der andere als untaugliches Mittel für die ersehnte Metamorphose erweist“. Die Institution Ehe hat darauf lange keine Rücksicht genommen. Ihr langandauerndes „monopolartiges Primat“ in Europa hat René König denn auch nicht mit der mehr oder weniger großen Zuneigung zweier Menschen erklärt, sondern als Produkt von „Kirche und Bürokratie“. Beide zielten auf die Übersichtlichkeit der Verhältnisse. Die Kirche sorgte sich um das geordnete Zusammenleben der Gemeinde, der Staat wollte mit Blick auf militärische und fiskalische Zwecke die Zahl und die Verhältnisse seiner Bürger genau kalkulieren können. Zudem sei eine Ehe stets in einen größeren Kreis eingebunden gewesen, so der Soziologe: den der Familie, der Verwandtschaft und Abstammung oder den der sozialen Reputation. Es gab so „eine Art Überordnung der Familie über die Ehe“.
Familienheirat
In der deutschen Gesellschaft ist das heute weniger der Fall, in der türkischen wie schon angemerkt überwiegend noch immer. „Nicht nur, dass sich Mann und Frau vereinen, es ist auch eine Verbindung zweier Familien“, berichtet etwa die Deutsch-Türkin Hatice Akyün aus Duisburg in ihrer autobiografischen Bestandsaufnahme: „Türkischen Eltern geht es nur um eine einzige Frage: Wann heiratet ihr? Sie sehen in der Freundin oder dem Freund sofort die künftige Ehefrau oder den Ehemann. Wenn man also beschließt, seinen Partner mit nach Hause zu bringen, kommt dies einer Entscheidung gleich. Und die ist endgültig. Das ist der Grund, warum die meisten türkischen Frauen und Männer ihren Partner vor ihren Familien zunächst geheim halten.“ Was Akyün auch tat, mehr noch, sie zog mit ihrem Freund zusammen, ohne zu heiraten und wurde schließlich schwanger. Erst jetzt entschloss sich das Paar, mit den Eltern zu reden. Schließlich nahmen diese die unehelichen Verhältnisse mit „Schwiegersohn“ hin, wenn auch leicht resigniert und nicht ohne einen letzten Versuch, wenigstens pro forma einen Teil der sonst üblichen Hochzeitsfeierlichkeiten zu vollziehen. Das Akzeptieren des Verhältnisses fiel den Familien zudem leichter, weil Akyüns Lebenspartner Türke war. Eine interethnische Verbindung hätte mehr Konflikte mit sich gebracht – auch in typischen Einwanderungsländern wird in der Regel erst in späteren Generationen gemischt geheiratet.
Von der Bedeutung einer Hochzeit für den türkischen Familienverbund zeugen die Berichte von türkischen Paare, die in der Ausstellung abzuhören und im Ausstellungskatalog nachzulesen sind. Auch wenn ihnen auf ihrer Hochzeitsfeier nicht immer alles ihren Vorstellungen entsprach, empfanden sie die Feier doch als „geglückt“.
Mythos Brautkleid
Auch wenn verschiedene Kulturen unterschiedliche Bräuche und Traditionen entwickelt haben, gilt doch im Grundsatz: Keine Hochzeit ohne Brautkleid. Die Ausstellung zeigt eine Vielzahl der opulenten Kleidungsstücke quer durch die Jahrhunderte. Die Schaustücke präsentieren sich in zartem Rosa oder kräftigem Rot, ganz in Weiß – von traditionellen Brauttrachten aus Schaumburg-Lippe und Lausitz bis zu turkmenischen Kostümen und mazedonischem Kopfschmuck bis zu neueren Designermodellen. Hier präsentieren sich nebeneinander deutsche und türkische Couturiers: Dice Kayek (Paris), Banu Bora und Hakan Yilderim (beide Istanbul), Senaj und Seniz Peri (Hamburg), Anja Gockel (London). Die Exponate der Ausstellung stammen aus den renommiertesten Museen beider Länder. Etwa die Hälfte sind Leihgaben aus den großen Museen in Istanbul, Ankara und Bursa.
Zur Ausstellung „EVET – JA, ICH WILL! Hochzeitskultur und Mode von 1800 bis heute: eine deutsch-türkische Begegnung“ ist ein deutsch-türkischer Katalog erschienen. Herausgeber sind Wolfgang E.Weick, Alfried Wieczorek, Gisela Framke und Petra Hesse-Mohr.
Mehr zur Ausstellung des Dortmunder Museums für Kunst und Kulturgeschichte hier
Ein Besuch der Ausstellung gehört zum Programm des Kongresses „Vielfalt verbindet/Diversity united“, der von 3. – 5. September in Dortmund stattfindet. Das Programm und weitere Informationen hier
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