Forum 10
Kultur im europäischen Raum:
Reservoir für Tradition – Quelle von Innovation
Roberto Camagni, Politecnico di Milano, Italien; Grzegorz Gorzelak, Universität Warschau, Polen; Wendelin Strubelt, Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, Bonn. Moderation: Erkan Arikan, WDR Funkhaus Europa, Köln
Kultur manifestiert sich nicht zuletzt im Raum. Dies gilt großräumig für Europa als »Weltregion« ebenso wie kleinräumig für Regionen in Europa. Regionale Kultur ist ein wichtiges prägendes Element heutiger Gesellschaften. Entstanden über sehr lange Zeiträume, ist Kultur ein oftmals über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende geronnenes Ergebnis menschlicher Aktivitäten. Gerade im Raum, und insbesondere in der Langzeitperspektive, erscheint die kulturelle Prägung meist als komplexe Gemengelage, in der bewahrende, entwicklungshemmende Momente ebenso enthalten sind wie die Möglichkeiten, in Anknüpfung an Bestehendes Neues zu schaffen. Historisch geprägte Regionalkultur kann insofern beides sein: Reservoir für Tradition und Quelle von Innovation. Welche Perspektiven und Handlungsoptionen ergeben sich daraus für Kultur- und Regionalpolitik im europäischen Maßstab?
Unterschiedliche Regionen in Europa haben unterschiedliche Begabungen, unterschiedliches »territoriales Kapital«. Gerade die regionale Vielfalt in Europa ermöglicht es der einzelnen Region oder einer Gruppe benachbarter Regionen, ihr eigenes Profil stärker zu entwickeln, die eigenen »Begabungen« zu erkennen und die regionale Identität zu stärken und damit auch sich selbst in Europa besser sichtbar zu machen. So gesehen ist regionale Vielfalt letztendlich auch ein Wirtschafts- und Entwicklungsfaktor, der dazu beitragen könnte, regionale ökonomische Disparitäten zu mindern.
Im Kontext spezifischer kultureller Traditionen und Prägungen, älterer wie jüngerer Herkunft, entstehen soziale Milieus, die eine entscheidende Komponente für das innovative und kreative Potential einer Region darstellen. Innovative und kreative Milieus wiederum sind die Basis für modernes Wirtschaften in der Wissens- und Informationsgesellschaft. Kultur kann dies unterstützen oder behindern. Für eine erfolgreiche Regionalentwicklung ist die Suche nach dem territorialen Kapital als kulturelles Kapital ein zentraler Ansatzpunkt politischer Strategien.
Neben traditionellen (häufig geographisch oder geologisch bestimmten) Qualitäten (wie Bodenbeschaffenheiten, Rohstoffvorkommen, Lagevorteile) wird in der modernen Wissens- und Informationsgesellschaft das humane und kulturelle Kapital einer Region zunehmend wichtiger. Damit gewinnt auch die Schnittstelle von Raum- und Regionalpolitik mit Kulturpolitik an Bedeutung. Neben der unmittelbaren »In-Wert-Setzung« der regionalen Ausstattung mit Kulturgütern und Kulturlandschaften (z.B. über den Aufbau touristischer Routen) und der Bedeutung von »Hochkultur« und Kulturschaffenden als Standortfaktoren insbesondere für moderne Metropolregionen spielen in diesem Zusammenhang die wirtschaftliche Bedeutung und Nutzung innovativer regionaler sozialer Milieus und regionaler kultureller Identitäten eine zentrale Rolle.
Von daher erscheint es nicht weiter verwunderlich, dass die europäische Raumentwicklungspolitik die Vielfalt der europäischen Regionen als positiven Entwicklungsfaktor entdeckt hat. Die regionale Vielfalt kultureller Prägungen erscheint dabei als das positive Gegenmodell zu den in Europa existierenden (und zu überwindenden) regionalen Disparitäten. Auf ihrem Treffen am 24./25. Mai 2007 in Leipzig diskutieren die in den EU-Mitgliedstaaten für Raumentwicklung zuständigen Minister diese Fragen und verabschieden eine Territoriale Agenda zur besseren Nutzung der Potentiale regionaler Vielfalt. Auch die Kultur spielt dabei eine Rolle.
Gerade die bessere Nutzung regionaler Potentiale bedarf einer europäischen Perspektive. Regionale kulturelle Identitäten, ebenso wie regionale Dialekte und Sprachgruppen sind nicht an (heutige) Staatsgrenzen gebunden. Sie gehen häufig einher mit alten politischen und kulturellen Formationen und sind auch heute noch eine wichtige Voraussetzung für Kommunikation und Kooperation über Staatsgrenzen hinweg und befördern damit das Zusammenwachsen Europas an den Grenzen. Andererseits treten aber auch nationale Stereotype und gegenseitige Ressentiments oft gerade in solchen (Grenz-) Regionen auf, in denen sich die Menschen und Kulturen am ähnlichsten sind.
Kulturelle Güter und Kulturlandschaften sind von Menschen geschaffene Artefakte, die uns heute als Manifestation früherer Kulturleistungen in den Städten und Regionen begleiten. Deren Schutz, Entwicklung, und Management sind unbestrittene Elemente des Umgangs mit unserem Kulturerbe. Aber sie stellen auch einen Wert dar, der oft weit über die Region hinaus Attraktivität ausstrahlt und Besucher anzieht, und damit ein großes wirtschaftliches, touristisches Potential darstellt. Dieses Potential entfaltet sich häufig erst vollständig, wenn es nicht punktuell, als Kulturgut einzelner Städte, sondern flächig und regional gemeinsam entwickelt wird (Beispiel: gemeinsamer Aufbau touristischer Routen).
Peter Schön
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