Kultur macht Europa - 4. Kulturpolitischer Bundeskongress
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Forum 9

Blogs, News und Internet – die andere Öffentlichkeit in Europa

Thierry Chervel, Perlentaucher.de, Berlin; Thorsten Schilling, eurotopics.net, Berlin; Katherine Watson, LabforCulture, Amsterdam. Moderation: Uta Thofern, Deutsche Welle, Bonn

Das Internet gilt seit seinen Anfängen als eine neue und demokratische Form von Öffentlichkeit mit stark egalitären Tendenzen – im Gegensatz zu den klassischen Medien wie Print oder TV. Es ist billig, theoretisch für jedermann zugänglich, flexibel, grenzüberschreitend und schnell. Es soll alte Barrieren aufbrechen und die Chance eröffnen, sich an wichtigen Debatten zu beteiligen und das nicht nur lokal, sondern auch global. Nach einigen Höhen und Tiefen in seiner Entwicklung haben sich seine Konturen verändert und teilweise geschärft. Als Web 2.0 erlebt es derzeit eine Renaissance, wobei nicht abschließend definiert werden kann, was genau an weiterentwickelter Technik und neuen Diensten unter diesem Begriff zu subsumieren ist. Die neue Social Software erleichtert jedenfalls Kommunikation und Kooperation der User. Um nur einige Beispiele zu nennen: am bekanntesten dürfte Wikipedia sein. Die Online- Enzyklopädie lebt nicht von Spezialisten, sondern von der Zu- und Mitarbeit vieler. Allein auf Deutsch gibt es mittlerweile über eine halbe Million Sites. Im Zuge dieses Erfolges hat eine Diskussion über Stärken und Schwächen dieser offenen Arbeitsstruktur begonnen. Plattformen wie MySpace oder MyTube haben quantitativ und qualitativ neue Maßstäbe im Web gesetzt.

Viele Online-Versandhäuser fordern ihre Kunden auf, die angebotene Ware/Dienstleistung zu bewerten und sich über deren Qualität auszutauschen - z.B. durch die Benotung des Service oder durch Empfehlungen via Rezension. »Google Earth« und »Google Maps« ermöglichen den individuellen Zugriff auf Satellitenbilder – etwa von der eigenen Straße oder der eigenen Stadt. Eigene Dateien von der Terminplanung über Urlaubsfotos bis zu Texten können im Internet verwaltet und veröffentlicht werden. Der Zugriff auf aktuelle Nachrichten nach individuellen Kriterien kann durch die Möglichkeit zum Abonnement entsprechender Dienste in Echtzeit erfolgen (Feed, News Alert). Musik und Videos sind als Podcast abrufbar. Software braucht nicht mehr auf dem eigenen Computer gespeichert zu werden, weil man auf entsprechende Speicher im Netz zurückgreifen kann usw. Das Ende ist offen, meint Lorenz Lorenz-Meyer, Professor für Online-Journalismus: »Web 2.0 und Social Software schöpfen das klassische Kommunikationspotenzial des Internet zunächst einmal weiter aus, als es die bisherigen Kanäle (Web, Foren, E-Mail) tun. In der Tat gibt es aber in der nahtlosen Verknüpfung von großen Informationsbeständen und Gruppenkommunikation Interaktionsformen, die bislang beispiellos sind.«

Diese Angebote gehen über die Grenzen traditioneller Kommunikationsmodelle weit hinaus. Andererseits haben sich mit den Suchmaschinen Strukturen herausgebildet, die Zugang, Erreichbarkeit und Kommunikation zunehmend steuern (können). Auch die »alten« Medienunternehmen haben sich längst im Internet etabliert und versuchen es in ihrem Sinne zu nutzen - mit wechselndem Erfolg. Bei kommerziellen Websites dominiert zunehmend ein der Fernsehquote vergleichbares Ranking (Page Impressions, Clicks, Click-Through-Rates usw.). Eine Untersuchung deutscher Nachrichtenangebote hat ergeben, dass die Redaktionen zunehmend mit einer Echtzeit-Quote arbeiten und dass Überschriften und Artikel der Startseite ständig auf ihre Attraktivität für die User überprüft werden. (www.onlinejournalismus.de) Eine Fernsehredaktion erfährt die Quote ihrer Sendung derzeit erst am Morgen danach.
Die großen Medienhäuser versuchen auch, neue Kommunikationsformen wie Blogs oder den Bürgerjournalismus in ihren Bereich zu integrieren und zu nutzen – etwa um die Kundenbindung zu erhöhen und über attraktive Zusatzangebote verfügen zu können. Sie stoßen dabei auf große Bereitschaft seitens ihrer Zielgruppen. Die mit dem Handy und der Handy-Fotografie verbundene Möglichkeit der permanenten Präsenz und Erreichbarkeit spielen dabei eine zentrale Rolle. Bei Katastrophen und anderen nicht vorhersehbaren Ereignissen sind die »Laien« in der Regel lange vor den Medienprofis vor Ort.

Ein Blog war zunächst so etwas wie ein persönliches Tagebuch im Netz (Web-log) – die Mitteilung von individueller Meinung. Viele Blogs bildeten so etwas wie einen virtuellen Marktplatz, auf dem man sich über alles und jedes »authentisch« austauschen konnte. Der Informationsgehalt einzelner Beiträge schwankte ebenso extrem wie die Qualität. Mittlerweile gibt es viele unterschiedliche Arten von Blogs: sie reichen bis zu tagesaktuellen Kommentaren zu Politik und Kultur professioneller Journalisten.

Die seit einiger Zeit von den etablierten Medienhäusern (z.B. Bild Zeitung) propagierte Idee des »Leserreporters« geht auf Ideen aus den 1920er Jahren (»Leserkorrespondent«) zurück und knüpft an Konzepte der Alternativpresse der 1970er Jahre an. Der heute mit dem Internet verbundene »citizen journalism« oder Bürgerjournalismus steht ebenfalls in dieser Tradition.

Der Grundgedanke: der manipulativen Nachrichtenpolitik der etablierten Medien(-konzerne) soll eine andere Form von Öffentlichkeit entgegengesetzt werden, die unmittelbar an die Erfahrungswelt der Leser, bzw. der Bevölkerung anknüpft und die ihr eine Stimme gibt. Deshalb sollen die Betroffenen selbst die Nachrichten verfassen, weil sie über eine größere »authentische« Kenntnis der (lokalen) Gegebenheiten verfügen sollen als ein professioneller Reporter verfügen. Andererseits gilt es, »unterbliebene Nachrichten« zu verbreiten, also solche, die aus unterschiedlichen Gründen durch das etablierte Nachrichtenraster fallen – sei es aus Gründen der offenen oder verdeckten Zensur, sei es, dass ihre Bedeutung von den Redakteuren nicht erkannt wurde. Auch wenn die alternative Presse (Print) in Europa als eigenständige Struktur weitgehend Episode geblieben ist, hat sie doch indirekt die gesamte Presselandschaft verändert. Themen wie Umweltschutz oder Frauen- und Minderheitenrechte standen vorher kaum auf der Agenda. Auch die Kulturberichterstattung hat sich verändert.

Das Internet eröffnet den im weitesten Sinne alternativen Formen von Öffentlichkeit neue Chancen. Waren in früheren Zeiten die Möglichkeiten zur Vermittlung begrenzt (Umfang und Seitenzahl bei Print, Sendefrequenzen bei Radio und TV) begrenzt und die Kosten vergleichsweise hoch, bietet das Netz bei vergleichsweise geringen Kosten unbegrenzte Möglichkeiten zur Veröffentlichung. Das Vermittlungsmonopol der traditionellen Medien und ihrer Profis ist damit grundsätzlich gebrochen. Der Mediennutzer hat im Prinzip die Qual der Wahl: Es geht deshalb heute und noch mehr in der Zukunft um seine Medienkompetenz und sein Zeitbudget: wie schnell findet er für ihn relevante Nachrichten und Informationen? Wie schnell und nachhaltig kann er die Vertrauenswürdigkeit der Nachricht und ihres Produzenten einschätzen? Kurz: wie qualifiziert kann er recherchieren?

Hinzu treten weitere Fragen: wie grenzüberschreitend ist das Internet wirklich? Im Netz findet sich eine ebenso große Sprachenvielfalt wie in der wirklichen Welt ? Viele Angebote orientieren sich an nationalen, mindestens aber an gleichsprachigen Zielgruppen?

Die Öffentlichkeiten in Europa strukturieren sich in der Regel nach nationalen Interessen und Diskussionen. Können sie zum besseren Verstehen via Internet synchronisiert werden?

Wolfgang Hippe

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