Forum 5
Armut und Reichtum der kreativen Klasse in Europa
Pierre-Michel Menger, Centre National de La Recherche Scientifique, Paris; Helene Schiffbänker, Institut für Technologie- und Regionalpolitik, Wien; Michael Söndermann, Arbeitskreis Kulturstatistik, Bonn. Moderation: Manuela Kasper-Claridge, Deutsche Welle, Berlin
Kunst ist brotlos und wer sie zum Beruf macht, kümmere sich beizeiten um ein soziales Netz, das ihn zusätzlich absichert. Dies gilt für viele heute noch. Einige europäische Länder haben deshalb staatliche Netze aufgebaut, die Kulturschaffenden ihre Existenz erleichtern. In Deutschland gibt es die Künstlersozialkasse, in Frankreich und Österreich ähnliches.
Da verblüfft die Studie des Wirtschaftswissenschaftlers Jason Potts von der Queensland Universität für Technologie und Innovation. Ihr zufolge führt in Australien der sicherste Weg zum Reichtum über die Creative Industries: Einer von drei Multimillionären bis 40 Jahre erwirbt sein Vermögen dort. Sind die europäischen Sicherungssysteme also überflüssig?
Wohl nicht! Aber sollten die Kultur- und Kreativberufe nicht auch eigene wirtschaftliche Quellen auftun, statt auf staatliche Absicherungen zu bauen? Und sollte die Politik, statt kompensatorischer Sozialsysteme, nicht eher Rahmenbedingungen für eine zukunftsträchtige Kultur- und Kreativ-Wirtschaft schaffen?
Eines steht jedenfalls fest: Die Zahl der Kultur- und Kreativberufe nimmt seit Mitte der 90er überall in Europa ständig zu. Die Gesamtzahl der Beschäftigten im Kultursektor in Europa soll nach der aktuellsten EU-Studie vom Oktober 2006 rund 4,7 Millionen (Eu-25 Mitgliedsstaaten und ohne Tourismusbeschäftigte) im Jahr 2004 erreicht haben. Der entsprechende Anteilswert des Kultursektors an der Gesamterwerbstätigkeit in Europa läge danach bei 2,5 bis 2,7 Prozent. Die auffälligsten Entwicklungen zeichnen sich in den skandinavischen Ländern, im Vereinigten Königreich oder in den Niederlanden ab. Sie scheinen am weitesten fortgeschritten zu sein, wofür der überdurchschnittlich hohe Anteil der Kulturbeschäftigten mit 3 Prozent und mehr an der jeweiligen Erwerbsbevölkerung ein Beleg sein könnte. Sind die Kulturbeschäftigten ein Indikator für die Modernisierung einer Gesellschaft?
So einfach lässt sich die empirische Lage jedoch nicht interpretieren, denn wir wissen auch, dass sich ein Strukturwandel innerhalb des Kultursektors vollzieht, der Licht und Schattenseiten für die Kultur- und Kreativberufe aufweist. In Deutschland beispielsweise war der öffentliche Kulturbetrieb bis zum Beginn der 90er Jahre der wichtigste Arbeitgeber für die Kulturberufe: Rund zwei Drittel der Berufsmusiker, der bildenden und darstellenden Künstler, der Schriftsteller/Autoren und Rundfunkkünstler besaßen existenzsichernde Arbeitsplätze im öffentlichen oder gemeinnützigen Kulturbetrieb. Inzwischen hat sich dieser Trend hin zur privatwirtschaftlichen Kultur- und Kreativwirtschaft und zur Freiberuflichkeit verschoben. Zum Jahresbeginn 2000 arbeitete bereits weniger als die Hälfte der genannten Kulturberufe als gesicherte abhängig Beschäftigte im öffentlichen oder gemeinnützigen Kulturbetrieb. Und der Trend zum Freiberufler setzt sich weiter fort.
Von welcher Art sind diese Akteure der Kreativszene? Sind sie freiwillig oder unfreiwillig dort? Sind es berufsmäßige Professionelle oder nur Kulturschaffende mit intrinsischen Motiven? Handelt es sich um Freiberufler und Kleinstunternehmer im traditionellen Verständnis von Industrie- und Handelskammern? Eines ist wiederum äußerst ungewöhnlich und eindeutig klar: Rund 40 Prozent der im europäischen Kultursektor Beschäftigten sind Hochschulabsolventen im Vergleich zu nur 24 Prozent in der gesamten Erwerbsgesellschaft. Die Kultur- und Kreativberufe haben– ganz modern – längst in ihre Ausbildung investiert. Es müsste sich also für sie ökonomisch doch gelohnt haben. Aber stattdessen produziert unser Feuilleton immer »liebevollere« Bilder über das Scheitern der Kreativen: vom englisch inspirierten Begriff des »urbanen Penners« über den leicht französisch angehauchten »digitalen Bohemien« bis zu unserem deutschen Begriff des »Künstlerproletariats« oder neudeutsch »Prekariats«.
In traditioneller Auffassung wird die Kreativszene nach zwei Gruppen von Akteuren aufgeteilt: Auf der einen Seite gibt es Kultur- und Kreativberufe, die »zwangsweise« hier sind und als Selbständige aus Kostengründen auf freier Honorarbasis beschäftigt werden. Sie warten in der Regel auf Angebote von Nachfragern aus dem Markt. Auf der anderen Seite arbeiten hier auch diejenigen Selbständigen, die gut sind, gut bezahlte Angebote bekommen oder selbst als Verwerter auf dem jeweiligen Markt aktiv werden.
Es kann durchaus sein, dass es für die Akteure der Kreativszene inzwischen darum geht, dass die Kultur- und Kreativberufe in der Kreativszene neue Formen der Arbeit und des Lebens entwickeln, in denen sie wirtschaftliche, kulturelle und soziale Dimensionen gleichwertig miteinander verbinden wollen. Armut und Reichtum der Kreativen ist im Lichte des ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapitals (Pierre Bourdieu) völlig neu zu bewerten.
Michael Söndermann
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